Blockseminar Kadenzbildung
Annäherung an Konzeption und Improvisation klassischer, konzertanter Solokadenzen

Im Jahr 1752 berichtet der Flötenlehrer Friedrichs II. v. Preußen, Johann Joachim Quantz erstmals von einer Improvisation in Gestalt einer willkürlichen Auszierung, welche von einer concertirenden Stimme, beym Schlusse des Stücks, über der vorletzten Note der Grundstimme, nämlich über der Quinte der Tonart woraus das Stück geht, nach dem freyen Sinne und Gefallen des Ausführers gemacht wird.
In diesem freyen Sinn und im Auszieren einer niedergeschriebenen Solopartie besteht schon seit dem 17. Jahrhundert die entscheidende Kompetenz musikalischer Solisten, und die spontane Variantenbildung zu aufgeschriebener Musik macht im Übepensum von Musikern einen Löwenanteil aus.
Selbst Komponisten verließen die schriftlich niedergelegte Form ihrer Komposition, sobald sie eine Bühne betraten, und Wolfgang Amadeus Mozart äußert sich einmal schwer enttäuscht über einen Sänger, der Ton-für-Ton Mozarts komponierter Melodielinie folgte.
Im Geist eines weitreichenden, persönlichen Gestaltungsstrebens verkörpert die improvisierte Kadenz am Ende konzertanter Sätze den Kulminationspunkt von Freiheit und den entscheidenden Prüfstein für die klangrhetorische Überzeugungskraft eines Musikers. Geht das schief (etwa in Gestalt einer schlechten und durchgepeitschten Cadenz), dann bleibt ein Musikereignis im Mittelmaß hängen (und man wünscht sich lieber gar keine [...] Cadenz). Geht das aber gut, dann erhält die Leidenschaft, deren Erregung die Absicht der Arie gewesen, gleichsam noch einen neuen Grad der Stärke.
Ziel des Seminars ist die Erfassung kompositorischer Intentionen und deren Beantwortung durch willkürliche Verzierungen und eine selbst erfundene Kadenz. Dabei ist der Blick auf aufführungspraktische Quellen ebenso wichtig wie die Analyse erhaltener klassischer Kadenzen, das Erlernen melodischer Formeln – und die Überwindung der Angst vor der Unberechenbarkeit einer freien Improvisation.


Technische Daten:

• Daten: Freitag, 12.06. und Freitag, 19.06..2026, jeweils 14.00-20.00
• Raum: Hörsaal, Campus Essen-Werden
• Der Kurs ist auf eine limitierte Anzahl von Teilnehmer*innen ausgelegt.
Die Voraussetzung zur Teilnahme besteht einer persönlichen Nachricht an Thomas Wormitt
(thomas.wormitt@folkwang-uni.de) mit Angabe des Stückes, zu dem eine Kadenz erarbeitet werden soll
o Komponist,
o Titel mit Opuszahl,
o Satz

• Kreditierbarkeit
o Bachelor instrumental: Vertiefung I/II, angewandte Musikwissenschaft (2 CP)
o Master instrumental: Hauptfachergänzung, angewandte Musikwissenschaft (2 CP)

• Maximale Teilnehmerzahl 10

• Mitbringen:
o Instrument
o für den praktischen Teil des Seminars soll jede*r Teilnehmer*in ein barockes, klassisches oder
romantisches Stück (Sonate, Konzert, Arie) mitbringen, zu dem sie*er im Laufe des Seminars eine
Kadenz erarbeiten möchte.
o Bitte vergessen Sie nicht, ggf. eine Aufnahme von dem Stück, bzw. das Notenmaterial
(Partitur/Klavierauszug, Solostimme allein reicht nicht) dazu mitzubringen.
o Notenpapier/Bleistift/Spitzer/Radiergummi

Grundbegriffe, Fakten, Daten und Techniken zur "historischen Aufführungspraxis"

Theorie und Praxis der historischen Stimmungen

Rhetorik, Affekt, Geheimsprache - Barockmusik als "Klangrede“

„Schräge Töne, starke Stücke“ – Wie die Dissonanz in die Musik kam


Jean-Philippe Rameau beansprucht schon angesichts seiner Opern und seiner Tastenmusik prägende Rolle für die französische Musik des 18. Jahrhunderts. Darüber gerät leicht in Vergessenheit, dass er mit insgesamt elf Traktaten ab 1722 auch ein umfangreiches theoretisches Oeuvre hinterlassen hat.
Auch wenn die Doppelrolle zwischen musikalischer Praxis und theoretischer Grundlagenforschung ein wesentliches Erkennungsmerkmal des bürgerlich aufgeklärten Zeitalters vorwegnehmen mag, bleibt unübersehbar, dass Rameau es auf einen Brückenschlag zwischen der neuen Welt und alten, kosmologischen Harmoniemodellen der Musiktheorie abgesehen hat, die er mit innovativen Erkenntnissen zu rehabilitieren sucht.
Noch Jahre nach seinem Tod polarisiert seine Lehre die Musikwelt, im 19. Jahrhundert inspiriert sie die wesentlichen Tonsatzmodelle von Fétis und Sechter bis zu Riemann und Grabner. Bei allen – unvermeidlichen – Missverständnissen zählen seine musikalischen Begriffe zu den am häufigsten zitierten der neueren Harmonielehre.
Der Titel des Seminars beruht auf einem Wortlaut der „Éloge historique de Mr. Rameau“ aus dem Jahr 1765, in dem der Autor - M. Maret - Rameaus Werk einen Dreiklang aus „Verblüffung, Fesslung und Verwandlung“ als Prinzip unterstellt. Ziel des Seminars ist der Versuch, diese „Verwandlung“ als analytische Sichtachse für die Musik des Barock und die Art ihres Hörens und Erfassens nutzbar zu machen. Die Veranstaltung wendet sich insbesondere an Studierende, die gerade ein Werk des 18. Jahrhunderts erarbeiten und sich mit einem zeitgemäß-sinnigen Zugang zu dieser Musik und ihrer Perspektive beschäftigen.

Der Kurs ist kreditierter Kreditierter in folgenden Modulen
Modul „Vertiefung“ in B.instr.-Studiengängen: Kreditierbar im Bereich „Angewandte Musikwissenschaft“
Modul „Hauptfachergänzung“ in M.PP-Studiengängen