Fotografie galt lange Zeit als visuelle Technologie, die in besonderer Weise dazu befähigt ist, Wirklichkeit verlässlich abzubilden. In theoretischen Auseinandersetzungen wurde diese Vorstellung etwa mit dem semiotischen Begriff der „Indexikalität“ gefasst, der auf die physische Beziehung des fotografischen Bildes zu seinem Gegenstand verweist, oder über die spezifische Zeitlichkeit der Fotografie, wie sie Roland Barthes in der Formel des „Es-ist-so-gewesen“ beschreibt. Fotografie erscheint damit zunächst als Gegenpol zu dem, was unter Imagination verstanden werden kann, also der Fähigkeit, Bilder und Vorstellungen hervorzubringen, ohne dass ihnen ein unmittelbar vorhandener Gegenstand entsprechen muss.
Doch auch die fotografische Bildproduktion ist von Formen der Imagination geprägt. Bereits die Entscheidung darüber, was fotografiert, wie etwas ins Bild gesetzt und welche Möglichkeiten einem fotografischen Medium zugeschrieben werden, ist von Vorstellungen darüber bestimmt, was ein Bild zeigen, leisten oder hervorbringen kann. Zugleich ist der Begriff der Imagination selbst keineswegs eindeutig. Vorstellungen, Fantasie, Einbildungskraft und Imagination bezeichnen unterschiedliche, historisch und theoretisch variierende Konzepte: Sie können etwa, wie in Kants Begriff der „produktiven Einbildungskraft“, als schöpferisches Vermögen und Erkenntnisquelle verstanden werden oder aber in die Nähe von Illusion und Trugbild rücken.
Mit der Möglichkeit, mittels sogenannter künstlicher Intelligenz Bilder zu generieren, stellt sich die Frage nach dem Verhältnis von Bild, Wirklichkeit und Imagination erneut und in veränderter Form. Dabei geht es nicht nur um die individuelle Vorstellungskraft, die Bildproduktion motiviert, sondern zunehmend auch um kollektiv geteilte imaginäre Strukturen: um Vorstellungen davon, wie Gesellschaften, Nationen, Körper oder die Welt aussehen und aussehen sollen. KI-generierte Bilder greifen auf große Bestände bereits vorhandener, meist fotografischer Bilder zurück und erzeugen aus diesen vermeintlich neue visuelle Möglichkeiten. Sie können damit nicht nur bestehende Bildwelten reproduzieren, sondern auch gesellschaftliche und politische Vorstellungen sichtbar machen, verdichten und weiter hervorbringen.
Das Seminar widmet sich dem Begriff der Imagination und des Imaginären anhand philosophischer, bild- und medientheoretischer Texte. Wir verfolgen unterschiedliche historische und theoretische Auffassungen der Begriffe und fragen danach, wie sie mit Bildproduktion zusammenhängen. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie Imagination und Formen des Imaginären sowohl die fotografische Bildproduktion als auch die Erzeugung von Bildern durch künstliche Intelligenz prägen, und wie sich durch neue Bildtechnologien zugleich verändert, was wir uns vorstellen und bildlich hervorbringen können.
- Lehrkraft: Vera Knippschild
Die Fotografie dürfte, historisch betrachtet, das erste Bildmedium sein, dessen Entstehung und Entwicklung von Anfang an durch theoretische und historiografische Überlegungen intensiv begleitet worden ist. Schon immer scheint es einen hohen Bedarf danach gegeben zu haben, zu klären, was Fotografie eigentlich sei. Die stets im Wintersemester ausschließlich für die Erstsemester aller Bachelor-Studiengänge des Fachbereichs Gestaltung angebotene Einführung in Theorie und Geschichte der Fotografie will eine solche Feststellung ernst nehmen und sowohl aus historischer wie aus systematischer Perspektive danach fragen, wie sich die unter dem Namen ‚Fotografie' angesprochenen Verfahren zur Produktion von Bildern genauer beschreiben und denken lassen.
Hierfür sollen verschiedene Handlungsweisen genauer diskutiert werden, die im Lauf von fast zweihundert Jahren Fotogeschichte eine wichtige Rolle eingenommen haben. Dazu gehören Praktiken wie das Porträtieren, Spielen, Messen, Berichten, Inszenieren, Sammeln oder Verteilen. Sie alle haben dazu beigetragen und tragen weiterhin dazu bei, unsere Idee vom Fotografischen zu formen. Das Seminar wird historische wie zeitgenössische Fotografien in den Blick nehmen, um auf diese Weise an einem Panorama unseres Handelns mit Fotografien zu arbeiten. Dies kann nie anders aus ausschnitthaft geschehen – doch werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Seminars im Lauf des Semesters an einem eigenen Fotoalbum arbeiten, das diese Beispiele um selbst gewählte erweitern wird.
- Lehrkraft: Francisco Vogel