Man könnte meinen, wir hätten die Langeweile hinter uns gelassen. In einer Medienumgebung, die jede Sekunde um unsere Aufmerksamkeit konkurriert – Social Media, Streaming, Push-Nachrichten –, scheint für jenes eigentümliche Leerlaufgefühl kein Raum mehr zu bleiben. Wir haben gelernt, jede freie Minute zu füllen. Das Smartphone ist stets zur Hand, der nächste Reiz nur eine Geste entfernt. Doch ist die Abschaffung der Langeweile wirklich ein Fortschritt? Wer will sich schon langweilen? Und zugleich: Was verlieren wir, wenn wir es nicht mehr können? Das Seminar nimmt diese Ambivalenz zum Ausgangspunkt. Es versteht sich als Einführung in medienphilosophisches Denken, indem es ein scheinbar banales Gefühl ernst nimmt und nach seiner systematischen Bedeutung fragt. Von Blaise Pascal bis Martin Heidegger wurde die Langeweile nicht nur als psychologischer Zustand, sondern als Grundbefindlichkeit des Daseins reflektiert – als Schwelle zwischen Weltverfallenheit und Weltöffnung, zwischen Überdruss und Erkenntnis. Im Seminar werden wir diese philosophischen Konzeptionen lesen und diskutieren, ihre begrifflichen Voraussetzungen klären und fragen, inwiefern Langeweile eine spezifisch moderne, vielleicht sogar mediale Erfahrung ist. Welche Rolle spielen technische Dispositive, Zeitstrukturen und Wahrnehmungsformen? I Zugleich geht es um den gestalterischen Umgang mit Langeweile. Wie lässt sich ein Gefühl, das gemeinhin als Defizit gilt und möglichst vermieden werden soll, produktiv machen? Welche ästhetischen Verfahren arbeiten mit Dehnung, Wiederholung, Stillstand? Ein zentrales Beispiel wird „L’eclisse“ von Michelangelo Antonioni sein – ein Film, der nicht nur Langeweile darstellt, sondern sie erfahrbar macht, indem er Erwartung unterläuft und Zeit ausstellt. Langeweile erscheint so nicht als bloßes Defizit, sondern als Prüfstein medienphilosophischer Reflexion: als Frage danach, wie wir Zeit erfahren, Weltbezüge strukturieren – und was geschieht, wenn nichts geschieht. |
- Lehrkraft: Markus Rautzenberg