Popmusiker*innen sind einerseits mit Rollen identifiziert, die wie Theaterrollen funktionieren, andererseits sind sie mit ihrer privaten Person identifiziert. Insofern ist das Ich, das auf der Bühne, in Lyrics oder Interviews singt, spricht, spielt, in der Popmusik immer beides zugleich: authentisch/biografisch (z.B. prekär, mit ernstem Gesichtsausdruck oder in der Bronx aufgewachsen) und fiktional/inszeniert (durch Bühnennamen, Kostüm, Live-Performance etc.). Nun ist die Personalisierung von Popmusik, also der Fetisch der Authentizität von Popmusiker*innen, längst selbst zum Produkt geworden, das massenhaft verkauft werden soll: Unverstellt und echt soll die Geschichte sein, die uns Kendrick Lamar, Kim Petras oder Billie Eilish von sich erzählen. Zugleich ermöglichen solche Erzählungen aus der ersten Person Handlungsfähigkeit und Sichtbarkeit für diejenigen, die strukturelle Ungleichheiten wie Rassismus oder Sexismus erfahren.

Das Seminar möchte die Subjektform „Künstler*in“ und mit ihr einhergehende Stereotype (Star, Genie, kreativer Geist) kritisch untersuchen, wobei unterschiedliche Bilder, Konzepte und Techniken des Selbst diskutiert werden sollen. So wird auch zu ermitteln sein, inwiefern die Forderung nach Subjektivität und Selbstbestimmung mit bestimmten Vorstellungen von Autor*innenschaft einhergeht und welche Funktion der Kunst dabei jeweils zukommt: Ist Kunstmachen eine Tätigkeit, die von ökonomischen und anderen Zwängen weitgehend frei ist, oder drückt sich in der Idee künstlerischer Autonomie selbst eine Stress und Depression erzeugende Norm der Selbsterfindung aus? 

Mit der Entstehung von Popmusik als Absatzmarkt für materielle Tonträger im Unterschied zum vormaligen Handel mit Partituren erweiterte sich auch die Idee von Popmusik von einer musikalisch verstandenen Klanglichkeit hin zu einer an die massenmediale Zirkulation von Bildern, Performances und technisch reproduzierbaren Klangaufnahmen geknüpften multimedialen Praxis. Musikalische Elemente wie Melodie, Harmonie und Rhythmus konnten so auf einmal mit von unterschiedlichen Medienkanälen (Fernsehen, Zeitschriften, Album-Cover etc.) getrennt voneinander kommunizierten Informationen zusammengefügt und rezipiert werden. Dass unter den aktuellen Bedingungen von Musik-Streaming-Angeboten der Absatz nicht-digitaler Tonträger zwar kontinuierlich schrumpft, jedoch auch die Möglichkeiten neuer Öffentlichkeiten über lokal-analoge Musikszenen hinaus zunehmen, kann daher als ein spezifischer Effekt des Zusammenwirkens von Markt, Technologie und Medienkonsum im Kontext popmusikalischer Produktion angesehen werden.

Das Seminar versteht sich als Einführung in medien- und kulturtheoretische Positionen der Theoriebildung von Popmusik und fragt, welches Verständnis von Kunst aus dem spezifischen „Medienverbund“ (Diedrich Diederichsen), den Popmusik beschreibt, folgt. Hebt eine hybride, multimediale Kunstform wie Popmusik die Vorstellung einer einheitlichen, aus verschiedenen Genres, Disziplinen und Praktiken bestehenden Kunst (und damit jeden Begriff von Kunst) auf? Oder lässt sich Popmusik, gerade weil sie eine eigenständige Kunstform darstellt, von anderen menschlichen Tätigkeiten umso zuverlässiger unterscheiden?

Ziel des Seminars ist ein methodisch-kritischer Überblick über zeitgenössische kunst- und medienbezogene Theorien und Praktiken an den Übergängen von Popmusik, bildender Kunst und Kino.